Wie finde ich Hilfe?

Wenn Angst Dein Leben beeinträchtigt und sich Dein Denken fast zwanghaft nur noch um Dein körperliches Empfinden dreht, Du Situationen aus Angst vor einem möglichen Panikanfall, vermeidest, solltest Du Dir überlegen Hilfe zu suchen. Die erste Anlaufstelle ist der Hausarzt. Hausärzte werden Dir vermutlich eine Überweisung zu einem Facharzt ausstellen und dieser wird Dir helfen eine geeignete Therapie zu finden. Es bedeutet nicht, dass Du schwach bist, wenn Du Dir Hilfe brauchst. Eine Angststörung ist nicht ein Indiz dafür, dass Du ein schwacher Mensch bist. Das bist Du nicht. Eine Angststörung ist eine legitime psychiatrische Notsituation, die in fachliche Hände gehört.

 

Als ich noch unter der Angststörung litt, war das Internet noch eher eine Grauzone - erst in den letzten Jahren meiner Störung wurde es umfassender. Die ersten Angst-Foren entstanden, erste Internet-Auftritte von Homöopathen, psychologische Berater, Mentoren, Coaches, Geisterheiler, Motivator (die Liste geht endlos weiter), entstanden. Gibst Du heute die Begriffe Angst, Panik, Agoraphobie in einer Suchmaschine oder im Social Web ein, erwartet Dich ein umfassendes Angebot von Autoren, Coaches, Homöopathen, Beratern u.a., die viel versprechen. "Angstfrei in 30 Tagen" oder "Nie mehr Angst" werden versprochen. Was diese Offerten in der Regel alle gemeinsam haben: Sie kosten Geld. Natürlich arbeitet niemand umsonst und eine Dienstleistung sollte entlohnt werden. Aber...! In Deutschland wird so viel kontrolliert. Es gibt Regeln, Regulierungen, Vorschriften, Gesetze. Menschen, die durch (sogar willkürlich gesetzte) Köder andere Menschen abmahnen. In diesem Dschungel kennen sich sogar oftmals nicht einmal renommierte Juristen aus. In der virtuellen Welt tummeln sich dazu Menschen, die sich als Life-Coach, Therapeut, Berater titulieren. Fast scheint es so, als würden es täglich mehr. Ich beobachte das schon eine längere Zeit, erfasse auch die Erfahrungen von Betroffenen, die diese "Wunderheiler" ausprobiert haben - zumeist aus Verzweiflung. Weniger als eine Handvoll berichten von positiven Fortschritten. Viel springen von einem Hoffnungsträger zum nächsten. "Alles klang so überzeugend, so einfach!", las und hörte ich nicht nur einmal.

 

Ein wenig schmunzeln muss ich schon, wenn ich lese was sich manche "Berater" oder "Therapeuten" einfallen lassen, um ihre Klienten zu ködern. Sehr selten lese ich klare Ansagen. oft klingt es banal und euphorisch mitreißend und wenig logisch. 365 E-mails für 1 EUR/Tag. Jeden Tag eine E-Mail, oder ein Abo über Angstbewältigung. (Das wird im Atemzug mit einem Kaffee erwähnt, der so viel kosten würde). Versprochen wird viel, verdient offenbar auch gerne. Darf ich überhaupt als Mensch einem anderen Menschen versprechen, dass ihm garantiert seine Angst wegtherapiere? 


Angststörungen sind sehr tiefgründige psychische Störungen. Sie kam nicht einfach nur so in das Leben eines Betroffenen geflattert. Sie hat ihre Ursachen, Gründe, unverdaute Emotionen, gar Traumata, die nicht verarbeitet worden sind. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wenn die Ursachen der Angststörung herausgefunden sind, (die Betroffene in vielen Fällen auch schon erahnen) die Angst sofort zurück ins Exil rast. Es liegt ein viel zu komplex, erlerntes fehlgeleitetes Denk-Konstrukt vor, dass immerfort Angst erzeugt. Es ist anzuraten es mit Hilfe von fachkundiger Anleitung zu erkennen und verändern (stoppen) zu können. Oftmals gibt s auch weitere psychologische Diagnosen. Eine Angststörung erfordert eine qualitative tiefer gehende Behandlung. Ich werde nicht gesund, weil ich ein Buch einer oder eines Ex-Betroffenen lese, wie sie es geschafft haben ihre Angststörung zu überwinden. Niemand wird gesund, wenn er sich selbst zum positiven Denken zwingt oder auf die Einnahme von Psychopharmaka setzt. Es ist viel schwieriger, viel komplizierter, viel tiefsitzender. Jeder menschliche Weg ist besonders und mancher Weg erfordert mehr Zeit und Behandlung als ein anderer. Symptome verschwinden auch nicht, wenn wir uns ein paar Pillen einwerfen. Eine Therapie ist maßgeblich entscheidend und wichtig.

 

Auch die Selbstdisziplin (Ich muss mich nur der Angst stellen - Es ist ja nur Angst) sind oft Mühen, mit dem der Betroffene nicht wirklich Erfolg erzielt. Es endet häufig in ein stetiges auf und ab. Ich bin zwar auch überzeugt, dass nicht jeder promovierte Homo Sapiens sich mit manifestierten Angststörungen auskennt. Es liegt mir am Herzen Euch Betroffenen zu schreiben, dass Ihr sehr genau überlegen sollt, wenn Ihr einmal über ein "internettes" Angebot schlittert Euch aus der Angststörung zu helfen. 

 

Diplom-Psychologe Wolfgang Siegel www.wolfgang-siegel.de

 

 

Nähere Informationen auch hier: www.angstselbsthilfe.de

 

Mobbing - der Lenker der Gesellschaft

 

 

 

Außen wird es immer enger, die Stimmen immer dreckiger, die Münder immer berechnender - Du brichst zusammen. Du begibst Dich auf eine Wanderung in Deine, eigene Welt. Wo es still wird, wo der Hass verschwindet. Nur um die Tränen laufen zu lassen oder einfach  ein wenig durchzuatmen.

 

 

Ist Mobbing wirklich ein so großes Thema an unseren Schulen? Oder ist es stets ein tragischer Einzelfall? Wie zuletzt der Tod einer Schülerin einer Grundschule in Berlin. Ist es nicht vielmehr so, dass "Mobbing" lieber, wenn es auftritt, in die letzte Ecke verscheucht wird.? Könnten die Menschen es mit Füßen zertreten, würden sie es liebend gerne tun. Lieber weghaben - wegtragen von jenem Tisch, auf dem sich wichtigere Gespräche und Handlungen stapelten. In vielen Schulen herrscht schon der Tenor der Leitenden und Lehrenden das Gewalt und Mobbing feste Themen des Schulalltags sind, bei der die Leitung und Lehrerschaft gewillt und motiviert sind. Sie wollen diesen Problemen ihre Aufmerksamkeit widmen und nicht länger wegschauen. Aber wurde das auch umgesetzt, vielmehr wird es ausreichend umgesetzt? 

 

Ich wurde 1977 eingeschult. Nach einer traumhaften Zeit im Kindergarten, der direkt im Wald lag, hatte ich das Glück eine Grundschule besuchen zu dürfen, die damals von guter Qualität war. Uns Kinder führte eine kluge, empathische und menschlich gerechte Lehrerin durch die primären Jahre. In dieser Klasse wurde sich zwar geneckt, gestritten und auch schon einmal gerauft, aber niemals geriet auch nur ein Schüler oder eine Schülerin komplett ins Abseits.

 

Während der vierten Klasse musste ich die Schule wechseln, da meine Eltern in einem anderen Stadtteil ein Haus gebaut hatten und wir umgezogen waren. Schon der erste Tag in dieser Grundschule hinterließ keinen guten Eindruck bei mir. Die Lehrerin gefiel mir einfach nicht und was dazu noch unschön war, konnte ich direkt in den nächsten Tagen bemerken. Einige Schüler und Schülerinnen standen klar auf der Abschussliste oder wurden vorgeführt. Einem Mädchen, welches während des Unterrichts vor der Klasse etwas vortrug, wurden gemeinste Anfeindungen entgegengeworfen - dazu flog auch ein nasser Schwamm in ihr Gesicht. Staunend und erschrocken beobachtete ich das Geschehen. So etwas war mir unbekannt, wie Kinder mit einem solchen Spaß und Hass sich begegneten. Als die Tränen des Mädchens rollten. die Gesichtsfarbe von weiß zu rot gewechselt hatte, war auch nicht Schluss., sondern die Beschämung immer heftiger. So richtig reingesteigert hatten sich die Kinder. 

 

Es ging so lange, bis das Opfer scheinbar die Lage nicht mehr länger ertragen konnte und aus dem Klassenzimmer rannte. 

 

Frei nach dem Motto: Jeder ist mal an der Reihe wurde dieses Spiel ehrgeizig weiter betrieben. Einige agierten klug und mischten sich immer rechtzeitig in den Mob der Mobber, um ja nicht in eine Opferrolle zu geraten. Dieses halbe Jahr an dieser Grundschule tat weh. Es öffnete mir eine Tür zu einem Leben, dass mir vorab unbekannt war. Oft lag ich abends wach und dachte nach. So ganz verstand ich damals nicht, was der Sinn solcher schändlichen Handlungen sein könnte. Ich war damit komplett emotional überfordert mit diesen Geschehnissen und konnte einfach nicht begreifen, warum sie das taten. 

 

Zum Glück war ich nur ein halbes Jahr an dieser Schule. Das ging auch irgendwie vorbei. Voller Vorfreude war ich auf die weiterführende Schule, dem Gymnasium gewechselt. Dort hatte ich die Hoffnung, dass alles schnell wieder zum geliebten, gewohnten Schulalltag werden würde. Die Anfangsjahre waren dann auch tatsächlich wieder besser. Auch hier an der Schule gab es hier und da Dispute, aber niemand in der Klasse geriet zunächst ins komplette Abseits. Ein Junge wurde häufiger drangsaliert - und das wirklich nicht besonders schön. Auch ich war dabei und muss mir das selbst ankreiden. Ich hatte auch mitgemacht - zwar nicht in vorderster Front, aber ich hatte dem Ganzen auch kein Einhalt geboten. Er trug oft schlecht sitzende, abgewetzte Kordhosen, wirkte etwas plump und unförmig und auf der Nase saß eine komische Brille. Durch seine Art - er spielte oft den Clown - hatte er es den Klassenkameraden leicht gemacht ihn zu denunzieren. Ob das Spaß gemacht hatte? Keine Ahnung - mir jedenfalls nicht. Auch wenn ich mit dabei war, spürte ich Gefühle von Mitleid. Er wurde abgewertet, gehänselt - bloß gestellt und ich habe mir diesbezüglich sehr lange Vorwürfe gemacht. Er wirkte oft sichtlich traurig, hatte sich aber nie gewehrt. 

 

In der zehnten Klasse geriet ich ins Abseits und in die Rolle eines Mobbingopfers. Natürlich war ich auch nicht ein menschliches Heiligtum. Ich wirkte oft wie ein Besserwisser oder traf mit einigen Aussagen (als Resultat meines ausgeprägten Gerechtigkeitsempfindens) auf Diskrepanzen. Aber, mein Fehlverhalten gab anderen Klassenkameraden nicht das Recht in der Art und Weise, die nun folgte mit mir umzugehen. So ganz und genau im Detail kann ich es nicht formulieren - oder in Worte bringen. Dafür sitzt da auch heute noch - Jahrzehnte später -  ein abgrundtiefer Schmerz. Vermutlich wäre es auch für den Lesenden schockierend, was ich da alles erleben musste. Gewehrt habe ich mich nicht. Vorsichtig versucht nachzufragen - das Wort "Warum" formuliert oder auch das Gespräch gesucht, als es begann. Gerade zu denjenigen, die nicht in vorderster Front waren. Oft erhielt dich dann die Antwort. "Eigentlich mag ich Dich ja, aber Du weißt ja … ich darf es nicht zeigen", Ein Schulterzucken, fahrige Bewegungen und dann ließen sie mich stehen.

 

Allen voran die "Redeführerin". Sie konnte besonders gut hämisch  mit den Augen blitzen und ihr Gefolge dirigieren. Mit jeder ihrer Handlungen gegen mich gewann sie an Macht und erhielt weniger Dementi von ihrem Gefolge. Da wurde dann schon einmal laut gesagt, wenn ich in das Klassenzimmer kam: "Uuii das stinkt auf einmal hier. Lass uns schnell verschwinden". Meine Schultasche fand ich nicht nur einmal ausgeleert im Papierkorb oder in mehreren verteilt. Stifte verschwanden und es wurden auf Pulten und Wänden "Hassreden zu meiner Person" tituliert. Keiner redete mit mir - durfte er auch nicht. Wagte ich es mich im Unterricht zu melden, wurde ich nachgeäfft oder verbal attackiert. Flüssigkeiten wurden in der Schultasche gegossen, meine Jacken versteckt. Mir wurde auf dem Klo die Tür zugehalten und dabei ständig verbal attackiert und heruntergeputzt. Das sind jetzt wirklich noch die harmloseren Geschehnisse, die ich erlebt hatte. Das ging alles noch viel schlimmer. 

 

Den Lehrern ist es mit Sicherheit aufgefallen - direkt geredet hatte mit mir niemand. Einige Lehrer hatten sogar verbal mitgemischt und ließen hier und da abwertende Äußerungen zu meiner Person fallen. Auch  in der Zeit, in der wir einen Schulausflug in eine "Jugendherberge" machten. Dort war ich nur alleine. Keiner sprach mit mir. Das Problem wurde einfach ignoriert. Irgendwann entriss ich mich der "Außenwelt" und ging in meine "eigene Welt." Die drei Tage dieses Schulausfluges verbleiben unvergessen - es war fast gar nicht zum aushalten gewesen. Wie ein emotionaler Überlebenskampf, bei dem es um Leben und Tod ging.  Ich wäre damals am liebsten geflohen. Nicht nur einmal kam der Gedanke auf mich einfach der Meute zu entreißen und mich in den nächsten Zug zu setzen. Allerdings hatte ich das Geld für die Fahrkarte nicht dabei gehabt. Ich habe viele Jahre über dieses Erlebnis mit niemanden gesprochen. Das hatte ich nicht geschafft. 

 

An den Nachmittagen hatte ich einige soziale Kontakte gefunden (ich nahm Musikunterricht, spielte Tennis und machte Ballet, ging in ein Tanzschule usw.) Heute bin ich diesen Kontakten dankbar, denn sie haben mich neben meiner Familie gerettet, dass ich nicht wie das elfjährige Mädchen komplett aufgegeben hatte. Ich versuchte es mit unnahbarer Stärke - nach Außen tat ich, als würde ich das alles aushalten. Der Mensch passt sich schnell an. So wurde der Walkman meine Pausenbegleitung und ich tauchte in die Welt der Bücher ab. Konzentrieren konnte ich mich im Unterricht überhaupt nicht mehr. Jeden Tag betrat ich das Schulgebäude und hoffte, dass es einfach nicht so schlimm werden würde mit den Anfeindungen. Ich tat als höre ich einfach nicht hin. Doch so einfach ging das nicht. Natürlich bekam ich das alles mit und natürlich traf auch weiterhin jeder Giftpfeil. Die Seele schnürt nur irgendwann zu - sonst hältst Du es nicht aus. 

 

Trotzdem ich mehr in mir war, versuchte ich immer zu beobachten, um ja keinen drohenden, weiteren Angriff zu verpassen. Manchmal rannte ich auch einfach weg. Andere Male ließ ich die Worte an mir vorbei fliegen und alles fühlte sich an wie ein großes leeres Vakuum. Als seien die Gefühle abgestellt.  Diese Zeit mit all ihren Erinnerungen steckt voller tiefer Emotionen, voller Tränen und voller Leid. Ohnmächtig und handlungsunfähig wurde ich. Vermutlich kann sich niemand vorstellen, wie schlimm es ist "gemobbt" zu werden. Wie ausweglos die Gesamtlage ist und wie ohnmächtig Du wirst und wie Dir Dein Lachen entgleitet. Wie es Dich verunsichert und Du einfach eine unerklärliche Angst vor der Begegnung mit anderen Menschen entwickelst. Wie intensiv Du nach Gründen suchst und wie ausweglos Dir alles erscheint. Es ist wirklich schwer zu beschreiben. 

 

Der Gedanke. etwas nicht richtig gemacht zu haben und selbst Schuld zu haben an dieser Situation bohrte weitere, sehr tiefe Wunden. Er war immer präsent und vermutlich glaubte ich das dann irgendwann auch selbst. Oftmals ging mir der Satz durch den Kopf: "Du bist einfach ein schlechter Mensch". Du hast es nicht verdient, dass andere mit Dir besser umgehen. Du bist einfach anders. Das ich "anders" war hatte ich schon länger verstanden, aber was ist daran so schlimm "anders" zu sein? Ich hatte doch nie deswegen anderen Menschen einen Schaden zugefügt. Besondere Begabungen, die ein Mensch zu kompensieren hat, ergeben häufig Probleme im sozialen Miteinander. Dafür gibt es weder Anleitungen noch Erklärungen. Die Gesellschaft wird zum Lenker der Menschen. 

 

Eine weitere schlimmere Erfahrung erlebte ich nach dem Gymnasium auf einer Wirtschaftsschule, als ich versuchte diese schlimmen Geschehnisse endlich hinter mir zu lassen. Eben jene Mutter dieser "Fahnenträgerin" der damaligen Mobber war dort als Lehrerin tätig. Sie hatte "unsere Klasse" einmal in Vertretung und machte da weiter, wo ihre Tochter aufgehört hatte. Sie "putzte" mich vor der ganzen Klasse mit "spitzen" Bemerkungen herunter, die mit Sicherheit aus pädagogischer Sicht anzuklagen sind.  Ihre Rolle als "Führende" nutzte sie da natürlich in vollen Zügen aus. Vermutlich haben meine damaligen Kameraden es nicht verstehen können, was das genau gerade vor ihren Augen passierte, aber in mir brach alles wieder hervor. Ich konnte nur fluchtartig das Klassenzimmer verlassen und wurde von einer heftigen Panikattacke heimgeholt.  Später wurde ich schon gefragt, was denn da los gewesen sei. Aber wie hätte ich das erklären sollen? Ich habe abgewunken. 

 

Die Panikattacken waren ganz klar eine Folge meiner Erlebnisse in der Schule. Sie wurden mein Ventil. Sie geleiteten mich durch das instinktive Vermeiden in eine Welt, in der es weniger schmerzhaft für mich war. 

 

Aber sollten wir Menschen tatsächlich so miteinander umgehen? 

 

 

 

 

 

 

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Giftiger Moment

Soll ich? Soll ich nicht?

Schaffe ich das? Schaffe ich das nicht?

- Kontrolle -

wirst Du mich halten, umarmen und geleiten

oder werden wir rennen? Gemeinsam ...atemlos?

 

 

Irgendwann wurde alles unerträglich. Jede Minute, jede Sekunde ein Kampf. Jeder Ort,  jede Begegnung. Irgendwann stand nichts mehr still. In den Anfangszeiten war es nur der Weg zur Schule. Schlimmer der Fußweg, als die Busfahrt. Er funktionierte besser mit der Schulfreundin an der Seite - oder mit dem Kopfhörer im Ohr. Peinlich genau achtete sie darauf, dass die Batterien nur nicht versagen werden. Jemand, der ständig die lauernde Panikattacke im Nacken verspürt, wird zum Pedanten und sorgt für Hilfsmittel. Als der Führerschein in der Tasche, das kleine Auto vor der Tür parkte, war der Gedanke an den Fußmarsch zur Bushaltestellte und Busfahrt schier´ unerträglich. Nur noch mit dem Auto schaffte sie es zur Schule. Schwitzend, kämpfend - im Auto zur Musik laut singend. Betend, dass es irgendwie klappt. Ohne Panikattacke. Jeder Morgen war ein großer Ringkampf. 

 

An manchen Tagen fiel es ihr noch leichter. An einigen Tagen fuhr sie los und brauchte ein paar Anläufe, um ans Ziel zu gelangen. An einzelnen ging gar nichts. Sie saß oft zitternd im Auto, das Herz klopfte bis zum Hals. "Soll ich? Soll ich nicht? Schaffe ich das? Schaffe ich das nicht? - Es war ein ständiges Hin und Her. Rasant ging es in ihrem Kopf umher. Sie ballte die Faust, stampfte mit dem Fuß auf, schnappte sich die Tasche und ging wankend in das Gebäude, direkt in den Klassenraum. Sie saß und lächelte. Welcher Sturm in ihr fegte? Das sollte niemand sehen. Das Lächeln tat weh. Die schweißnassen Hände räumten die Tasche auf. Zitternd. Schwindel war permanent da. Konzentration - das war schon länger nicht mehr möglich. Ein Blick auf die Uhr! Ob sie das aushalten wird? So lange noch? So unendlich viele Stunden? 

 

Der Lehrer führte Monologe. Sie saß da und lenkte sich ab. Ein weißes Blatt Papier. Am besten klappte es Spiegelschrift zu schreiben. Einfach irgendwelche Worte. Zerrissen ...in ihr war alles konfus. In der nächsten Stunde vernahm sie die klugen Worte von Cicero. Direkt im Thema konnte sie nicht sein. Die "wirkliche Welt" war weit weg. Die Stimmen nur noch leise. Laut war es nur noch in ihr. Immer lauter. Der Schwindel, das Zittern, die Sehstörungen. Das Herz klopfte bis zum Hals. Sie malte weiter. Nahm Stifte in beide Hände. Sie schrieb gleichzeitig etwas auf. Mit beiden Händen. Eine Hand Spiegelschrift - die andere normal. Das lenkte sie ein wenig ab. Vielleicht konnte sie so die Panik hinter den Berg halten. Es waren nur noch zehn Minuten bis zur großen Pause. Nur noch. In der Pause konnte sie manchmal durchatmen. Auch wenn sie ungern auf den Pausenhof ging. In der Oberstufe braucht man das auch nicht mehr. Da regierte die Narrenfreiheit. Sie hielt sich gerne alleine auf oder stand einfach neben anderen. In ihrer Welt war es turbulent genug. Da wurde Ruhe zum Trost. 


Der Klang der Glocke ließ sie erschaudern. Das Atmen fiel schwer. Wie ein Brocken saß die Angst in der Kehle. Sie dachte an den Weg zurück. Die Autofahrt. Ungefähr 8km müsse sie überstehen. Und es sind noch vier Unterrichtsstunden mit großer Pause. Allein die Vorstellung ließ sie panisch werden. Sie verschwand auf die Toilette, lehnte sich an die Wand. Der Gestank war unerträglich. Aber hier war Ruhe. Niemand. Keiner, der sie komisch ansah. Niemand, der hinter vorgehaltener Hand flüsterte. In der Schultasche waren "Kreislauftropfen". Hastig auf ein Stück Würfelzucker (den hatte sie auch immer dabei) nahm sie diese. "Soll sie? Soll sie nicht? Schaffe sie das? Schaffe sie das nicht? Der Unterricht hatte sicher schon begonnen. Ihre Beine zitterten. Sie lehnte sich mit der heißen Stirn an die kühle Wand. Unmöglich war der Weg ins Klassenzimmer. Plötzlich wurde es außen ruhig, aber nicht in ihr.  Die Panik stieg hoch. Die schweißnassen Hände griffen nach der Tasche. Ein Atemzug und sie rannte los. Rannte aus dem Gebäude. Sie sah nichts. Nur noch das Ziel. Schnell zurück zum Auto. Tür auf, Tasche auf den Beifahrersitz und einfach nur weg! Schnell startete sie den Motor. Die Welt begann zu tanzen. Die Welt begann zu schwimmen. Das Autoradio an und los ging die Fahrt. Jetzt drehten sich die Gedanken. "Nach Hause,  nur noch nach Hause!". Sie drehte die Musik laut und wieder leise. Sie fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Nur noch sieben km., sechs... Das Herz klopfte bis zum Hals. Sie suchte den Mut. "Ich schaffe das", sagte sie laut und trommelte mit der Hand aufs Lenkrad. Nur nicht schlappmachen. Kontrolle halten und behalten. Irgendwie. Nicht die Panik gewinnen lassen. Stoßgebete gingen über ihre Lippen. 

 

Fast war sie zu Hause. Doch was sollte sie sagen? Es war noch so früh. Ihre Mutter würde sie fragen, warum sie schon wieder zurück sei. Sie fühlte sich traurig. Wie ein Versager. Lieber hätte sie in der Schule gesessen, gelernt. Auch von Cicero. Sie lernte gerne. Da sie es in der Schule kaum noch schaffte, hatte sie sich ein Ventil gesucht. Sie lernte Sprachen. Sie las Fachbücher. Das ummantelte ihr schlechtes Gewissen und tätschelte ihr Versagerherz. So fühlte sie sich nämlich. Wie ein Versager! Eine Straße vor ihrem Elternhaus konnte sie dann wieder ruhiger atmen und auch wieder denken. Sie stellte das Auto ab. Atmete tief ein und aus. Ob sie wieder zurückfahren sollte zur Schule?  Sollte sie? Sollte sie das nicht? Sie kramte in ihrer Tasche, schaute traurig auf die Uhr. Die Gedanken krochen hoch. Ihre Vorstellung wieder im Klassenraum sitzen zu müssen schnürte ihr die Kehle zu. Sie fühlte sich klein und schwach und unendlich traurig. Sie begann auf das Leben zu schimpfen. Haderte mit Selbstmitleid. Warum bloß sie? Was hatte sie verbrochen? Die Zeit verstrich. Sie ließ den Motor an und fuhr die paar Meter heim. Vielleicht würde es morgen aufhören. Dieser Spuk in ihrem Kopf. Dafür würde sie alles geben. 

 

Sie zog den Schlüssel, nahm die Tasche und setzte ein Lächeln auf. Eine glückliche Tochter ging ins Haus, die von einem schönen Schultag zu erzählen hatte. All  das war so unglaublich anstrengend. 

 

 

 

 

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Ein Run zum gestressten Fest

Wenn so manche Menschen mit einem Lächeln über das Weihnachtsfest wettern, so wird für manch´ einer diese Zeit zu einem Horror-Trip. Besonders Menschen, die unter einer Angststörung leiden empfinden das Fest als eine Bedrohung. Die meisten Menschen schlendern über die Weihnachtsmärkte, sitzen gemütlich beim Essen zusammen und genießen mit weihnachtlichen Klängen die gemeinsame Zeit. Für Betroffene einer Angststörung entwickeln sich da allerdings große Probleme. Alleine die Vorstellung bei festlichen Zusammenkünften die Nähe von Menschen ertragen zu müssen (nicht jederzeit fliehen zu können) und sich als "gutgelaunt" präsentieren zu müssen, führen zu persönlichen Krisen. Manche Betroffene leiden auch unter Einsamkeit. Durch ihre psychische Störung haben sie keine soziale Kontakte oder mit Familie und Freunde gebrochen. Eine schwere Zeit. 

 

Aber warum ist die Angst so groß? Angst vor Enttäuschungen, Angst dem Druck nicht standhalten zu können. Gerade in der Zeit der Feiertage kommen viele Gedanken hoch. Es wird nachgedacht. Selbstzweifel, das Streben nach Perfektion (an Weihnachten muss alles stimmen) und die Sorge über das "Anders-Sein" (ich bin nicht normal mit meinen krankhaften Ängsten)  sowie das Gefühl ausgeliefert zu sein können dominieren. In dieser Zeit werden die Tage verstärkt mit der Angst vor der Angst gefüllt und alle Outdoor-Aktivitäten, die im Jahr schon unter anderen Voraussetzungen schwierig sind, werden nun unüberwindbar. Es wird oft als "Dauer-Panik" von Betroffenen beschrieben. Noch viel mehr werden Einkäufe, Treffen mit Freunden oder Familie oder auch der Gang über den Weihnachtsmarkt vermieden. Es wird zu viel Harmonie erwartet. Der gesellschaftliche Druck, schließlich muss alles schön an Weihnachten sein, steigert sich enorm. Viele Menschen leiden unter Geldsorgen und erfahren auch aus dieser Richtung Druck. Schließlich prasseln zu dieser Zeit von überall materieller Verlockungen ein... Die Plätzchen müssen perfekt aussehen, die Wohnung blitzeblank. Die Stresslatte schiebt sich immer noch eine Stufe höher. An den Feiertagen treffen wir oft Menschen, Freunde und Verwandte auf die wir manchmal so gar keine Lust haben. Wir verbringen  mehr Zeit mit der Familie und plötzlich kommen "Themen" oder auch "Emotionen" auf den Tisch, die zuvor im Alltag unterdrückt gewesen waren. So entsteht mehr Stress und Streit. Jeder hat schließlich seine eigene Erwartungshaltung vom Weihnachtsfest und die kann durchaus sehr unterschiedlich sein. 


Der Betroffene einer Angststörung reagiert mit einem Konvolut von körperlichen Symptomen als Resultat auf diese stressige Zeit. Die massigen körperlichen Symptome verstärken die Angst und die Sorgen greifen noch tiefer in die Kiste der Möglichkeiten, was alles passieren könnte und verstärken so den Kreislauf der Gedanken. Die Betroffenen sind überzeugt, dass etwas nicht in Ordnung sei mit ihnen. Viele geraten ohne objektiven Anlass in Panik. Was kann der Betroffene also tun?

 

Wenn es ganz schlimm wird, ist es sehr wichtig sich die Gedanken genau anzusehen, die vorweg gingen. In der Regel sind es immer Gedanken, dass etwas ganz "Schlimmes" passieren könnte! Diese Gedanken greifen mit bildhafter Vorstellung ein und erzeugen Stress im Körper und lassen die körperlichen Symptome entstehen. Ganz oben an steht bei den meisten Betroffenen die Sorge, man könnte die Kontrolle (über sich) verlieren. Diese Empfindungen nimmt der Betroffen wahr und steigert sich natürlich weiter in seine "Dramen-Zukunft". Hier sind der Phantasie keinerlei Grenzen gesetzt. Es ist wichtig sich auch bewusst zu werden,, dass alle diese körperlichen Symptome das Resultat von Stress und Stressgedanken sind, die auch wieder vergehen würden und werden. Es hilft sich zu sagen, dass sie durchaus ohne weiteren Schaden ertragen werden können. Sie sind halt unangenehm, aber ungefährlich. Auch die Angst vor den Familientreffen ist natürlich nicht von der Hand zu weisen und auch hier empfiehlt es sich nicht schon vorher Gedanken zu machen, wie die Situation wohl werden wird und wie der Körper reagieren könnte! Denn niemand besitzt die Glaskugel, in der er die Zukunft erfahren kann.  Es gibt nichts, was wir machen müssen. Wir müssen nicht die perfekte Welt vorspielen oder den blitzblanken Boden präsentieren. Es ist auch menschlich, wenn die Plätzchen nicht top verziert sind. Wir müssen nicht ein aufgesetztes Lächeln aufsetzen und ein galantes Schauspiel der Harmonie abliefern. Wir dürfen ruhig Mensch sein. Wir sollten nicht nur an Weihnachten uns Zeit für Freunde und Familie nehmen und mehr über unsere Gefühle reden. Wichtig ist es sich auch selbst die Frage zu stellen: Wie möchte ich eigentlich Weihnachten feiern? - Nicht wie sollte ich Weihnachten feiern!

 

 

 

 

 

 

 

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Hoffnung - ein wertvoller Funke

Hoffnung kostet Kraft und Mut. Hoffnung ist aber ein wertvoller Funke, um neue Wege zu finden. Richtungswechsel müssen manchmal einfach sein, denn Resignation kann schmerzen. 

 

Wie häufig lese ich den Satz: "Mir kann sowieso keiner mehr helfen!" oder "Bei mir funktioniert das alles nicht". Manchmal lese ich auch: "Bei allen anderen klappt es - nur bei mir nicht!". Es sind Sätze, die mich traurig machen. Aus ihnen lese ich die Schwere des Leidens der Betroffenen, mit der sie übermannt werden. Sie kämpfen jeden Tag. Sie suchen verzweifelt nach Lösungen. Sie verstehen es einfach nicht, warum es andere scheinbar so einfach geschafft haben. Offenkundig eine sehr vertrackte Situation!. Wenn sich die Gedanken einmal angefangen haben zu drehen, ist es unglaublich schwer sie zu stoppen! 

 

Manchmal lese ich auch. "Komisch. Mir ging es doch schon gut. Die Angst war weg und nun kam sie ganz plötzlich wieder. Ich hatte jetzt wieder eine ganz furchtbare Panikattacke. Das verstehe ich nicht!". Ich habe doch schon so viel gemacht und geschafft. Ohne, das etwas war. 

 

Angst ist unkontrollierbar. Gegen sie dauerhaft kämpfen kann auch keiner erfolgreich. Wie kommt es, dass die Angst einfach nicht verschwindet, obwohl der Betroffene doch theoretisch weiß, dass sie nicht gefährlich ist.? Was ist der Grund dafür, dass eine heftige Panikattacke einen Menschen immer noch in Angst und Schrecken versetzen kann? Warum lässt sie sich nicht aufhalten oder stoppen? Welche Rolle spielt der Alltag, das Berufsleben, die Familie ….?

 

Es gibt unendlich viele Fragen und mitunter auch unendlich viele Erklärungen und Antworten. Es ist des "Betroffenen" großes Steckenpferd sich auf die Suche nach Erklärungen und Lösungen zu begeben. Irgendwie und irgendwo haftet immer eine mögliche Erklärung.. Der Streit mit dem Partner, die nervigen Kinder, die Überforderung im Job, das Mobbing am Arbeitsplatz, der soziale Druck... Wir können uns alle beklagen. Irgendwo passt es immer nicht. Wir wettern über Ungerechtigkeiten - und die geschehen ums uns herum - ständig. Die Emotionen kochen hoch und fühlen sich an wie "Symptome". Gedanken gesellen sich dazu und et voila ein "herzliches Willkommen der nächsten Panik-Wellen!". Die Füße kribbeln, die Atmung fällt schwer, unwirkliches Sehen, eine Schwindelattacke, ein drohender Herzinfarkt oder der Leitgedanke: Ich könnte durchdrehen. Es ist einfach nicht mehr auszuhalten. Was diese Gedanken für einen Stress im Körper erzeugen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wie soll es da einem Menschen gutgehen! Der Betroffene nimmt die Emotionen oft gar nicht mehr wahr - er erkennt für sich nur körperliche Symptome und sieht sich selbst in "ernster Gefahr". Er beginnt zu kämpfen. Gegen sich, gegen die Symptome. Er möchte sie weghaben! Jetzt und sofort! Er bittet um Abhilfe, Ob bei Ärzten, bei Psychologen, Therapeuten oder Beratern. "Bitte wegmachen! Ganz schnell! Das ist alles nicht auszuhalten!". Und leider ist das alles nicht so einfach. Das "Wegmachen" funktioniert nicht. Es hilft keine "Pille", keine "Anleitung" - es helfen auch keine aufklärenden Worte. Es hilft nicht das positive Ergebnis einer körperlichen Untersuchung. Im Kopf dreht es sich weiter. Ein Gedanke jagt den nächsten. Immer wieder neue Symptome schauen vorbei. Mit jedem Tag, mit jedem Monat und Jahr wächst die Resignation. Betroffene einer Angststörung kann großes Lob ausgesprochen werden für ihre Ausdauer nach Lösungen zu suchen. Sie probieren viel. Sie halten jeden Tag tapfer ihre Angst aus. Sie verstehen es selbst alles nicht. Trotzdem sie am Boden liegen, rappeln sie sich immer wieder hoch. Nur wissen sie manchmal nicht mehr wie sie es anstellen sollen.

 

Der Funke "Hoffnung" trägt sie. Er leitet sie an nicht ans Aufgeben zu denken. Das ist auch gut so, denn es gibt Wege aus der Störung. Diese Wege können ganz unterschiedlich sein. Auch aus einer "scheinbar" negativ verlaufenden Therapie nimmt der Betroffene garantiert etwas mit. Auch wenn es ihm tatsächlich noch nicht bewusst ist. Er wird es vielleicht später verstehen. Manchmal sind es diese Hürden, die gemeistert werden müssen, um den richtigen Weg zu finden. Das umfassende Therapieangebot ist nicht immer gleich zu verstehen. Welche Therapie, welcher Therapeut ist tatsächlich für mich der oder auch die "Richtige"? Das kann durchaus eine anstrengende Reise werden. 

 

Wie werde ich von der Störung befreit? Schafft das überhaupt jemand? Gibt es diese eine Anleitung, die alle Fragen beantwortet und den Weg weist? Ich könnte jetzt aufgrund meiner Erfahrung den Finger heben und schreiben. Das solltest Du tun - oder auch jenes musst Du unbedingt lassen, dafür aber unbedingt diesen Weg suchen! Was würde es helfen? Mitgeben kann ich Dir nur, das was in meinem Herzen verankert ist. "Auch Du kannst es schaffen!".

 

Eine Angststörung ist tatsächlich aufzulösen. Ich würde liebend gerne die Hand heben und Dich von der Einnahme von Psychopharmaka abhalten. Das kann ich aber nicht und werde es nicht. Es ist immer (D-)eine ureigene Entscheidung. Dazu würde Dir liebend gerne erklären, dass es eigentlich doch ganz einfach ist... der Ausgang aus der Störung. Ich würde Dich fest in den Arm nehmen und Dir Hoffnung machen. "Du - ja, auch Du schaffst es!".

 

Viele Ex-Betroffene, die an Noch-Betroffenen (hier schließe ich mich auch mit ein) ihre Erfahrungen weitergeben wollen, wirken schroff. Fast als wäre es alles so einfach. Sie wissen selbst, dass es auf der einen Seite zwar einfach ist, aber auf der anderen Seite wirklich viel Mut und Energie kostet. Nehmt es den Ex-Betroffenen nicht übel, wenn Sie auf Euch so wirken. Wenn die Störung einmal überwunden worden ist, gar verstanden was los gewesen war, dann erleben sie diese Störung wie eine mehrmalig gelöste Mathematik-Aufgabe, deren Lösung sofort ersichtlich ist. Ich bin mir sicher jeder Ex-Betroffene möchte den Betroffenen wachrütteln und ihm zeigen: "Was ich da geschafft habe - ja, das schaffst auch Du! Du gehst einfach los - Du gehst los trotz der widrigen Gedanken und der Symptome. Du gehst los, weil Du erfahren willst ob Dein Drama-Kopfkino auch wirklich passieren wird!" - Du weichst nicht aus. Du setzt Dich aus und bist auch bereit dafür zu sterben (Wirst Du bestimmt nicht). Es ist tatsächlich so, dass diese andere, völlig neue Sichtweise am Anfang viel Mut, Kraft und Erkenntnis erfordert. Zu diesem gelangt man nicht einfach durch Geisterhand und es benötigt, meiner Meinung nach, erfahrene Fachleute. Denn in dieser Richtung seinen Weg zu einem Leben mit mehr Freiheit und ohne Einschränkungen zu gehen, erfordert viel mehr als nur ein paar gesagt bekommende Worte oder gelesene Erklärungen. 

 

Wichtig ist, dass in Euch der Funken Hoffnung stetig flackert und ihr Eure Wege sucht und findet. Denn es lohnt sich! Vertraut darauf! Wikipedia würde der Störung keine Seite widmen, wenn es nur eine Farce wäre! 

 

 

 

 

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Egoismus - Die Angst steuert gerne

Aus heutiger Sicht empfinde ich manches Verhalten, was ich während meiner Angststörung an den Tag gelegt hatte als sehr egoistisch. Ich hatte es natürlich nicht geplant. Nein! Es ist mit den Jahren gewachsen. Der Rückzug aus dem sozialen Leben hatte schleichend stattgefunden. Anfangs war es die Einkaufstour in die Nachbarstädte, der Besuch bei Bekannten/Familie/Freunden aus diesen Orten.  Etwas was ich einfach nicht mehr geschafft hatte. Weil mir schon die Vorstellung so etwas zu tun Schwindelanfälle schenkte. 

 

Da gab es aber dennoch diesen Wunsch nach einem bestimmten Buch, nach einer neuen Lieblingsjeans oder einem neuen Kosmetikartikel. Heute ist das ja alles kein großes Problem mehr. Damals gab es das noch nicht, das Online-Shopping. Das Internet war noch in weiter Ferne. So motivierte ich die gesamte Familie mir diese Wünsche zu erfüllen. Ich hätte es ja nicht gekonnt. Ich war ja "angstkrank". Für mich war es unvorstellbar zu einem Buchladen zu fahren oder in der großen City von Dortmund wie es sonst üblich war mir neue "Kleidung" zu holen. Auch das neue Buch, die neue CD, der neue Videofilm, einen neuen Lidschatten... All´ das konnte ich nicht einfach so erwerben. Meine Familie wurde tätig. Sie ging los um mir meine Wünsche zu erfüllen. Manche Läden (gerade bei Kleidung) gaben sogar schon etwas zur Auswahl mit. Ich probierte die Hose oder anderes zu Hause an und meine Mutter fuhr es ggfs. wieder zurück ins Geschäft. Dieser Prozess nahm immer weiter Überhand. Wünsche nach einem Lieblingsessen? Den Erwerb eines in der Werbung gesehenen neuen Produktes? - Kein Problem. Meine Familie zog los. Aus Mitleid mit mir. Ich saß wie ein "Würmchen" zu Hause und träumte vom schönen Leben. Oft bedauerte ich mich. An anderen Tagen schämte ich mich für mein Verhalten. Für die Mühen, die ich anderen kostete. Angst macht egoistisch. Die Familie "rannte" sich die Beine für mich aus. Meine Mutter wurde zur "Friseurin" oder auch zur "Handwerkerin".  Sie besorgte mir unendlich viel, was mir ein wenig Sonne in mein Leben bringen sollte. Sie verzichteten auf Unternehmungen, weil ich sie vor lauter Panik anflehte nicht den Tagesausflug zu unternehmen und mich nur nicht alleine zu lassen. Irgendetwas sprach aus mir und zog alle Register. Auf Knien flehte die Angst in mir. Es war schändlich. Nur aus Angst den Tag nicht zu überleben. 

 

Die Angst hatte mich verändert. Meine Persönlichkeit verändert. Sie hatte mich zu einem Egoisten werden lassen. Ständig und vor allem hatte sich die Angst in den Vordergrund geschoben. Die Ausreden flossen wie Tränen aus meinem Mund. Das Mitleid war nicht nur da - es wurde gefordert. Niemand - davon war ich felsenfest überzeugt - der keine Angststörung hatte.  könnte sich ausmalen wie unfair das Leben zu mir gewesen war. Besonders an den Tagen an dem ich wie Espenlaub gezittert hatte. oder an Tagen an dem ich das "durchlebte" Mobbing in der Schule als das größte Drama interpretierte, was kein anderer in dieser Art und Weise, wie es mir widerfahren war, erlebt hatte. Ich hatte ja schließlich nichts dafür gekonnt, dass damals alle Lehrer wegsahen. Ich war unschuldig, denn die anderen hatten mich krank gemacht. 

 

Angst hatte mir die Empathie geraubt. Knallhart saß sie am Steuer und gab ihr Kommando: "Das kannst Du nicht! Das schaffst Du nicht! So schlecht geht es nur Dir. Du bist ein Sonderfall. Dich hat es am "aller-aller-schlimmsten" getroffen. Der Strudel drehte sich unentwegt. Die Familie war hilflos. Sie sah den täglichen Kampf gegen die Angst. Sie wollte helfen, konnte helfen, aber leider nur in einer nicht idealen Art und Weise. Die Familie nahm die Wege ab. Sie verzichtete auf eigene Unternehmungen. Auch sie passte sich viel zu sehr an. Sie verzichtete. 

 

Die Angst lachte sich dabei ins Fäustchen. Sie hatte gewonnen. Sie wurde stärker und stärker. Irgendwann dominiert sie den Tag. Sie stand mit mir Dir auf und ging mit mir ins Bett. Sie wies mich an, wie ich zu leben hätte.

 

Tatsächlich kann eine Angststörung - wenn sie unbehandelt bleibt - so schlimm werden. Daher ist es wichtig sich zeitnah und am besten so früh wie möglich in fachkundige Hände zu begeben. Irgendwann gibt es diesen Punkt, da kommt der Betroffene nicht einfach wieder so aus dem falschen Denk-Kreislauf heraus. Da kann er noch so wütend werden. Auf sich, auf die Angst. Da kann er noch so viele Bücher lesen oder Vorhaben planen beim nächsten Mal nicht die Flinte ins Korn zu werfen. 

 

Natürlich nimmt sich der Betroffene vor, dass er sich seinen Ängsten stellt. Bloß nicht davonlaufen! Bloß nicht kapitulieren! Doch im Kopf sind die Mauern oft zu mächtig. Viel zu eifrig werden die Füße in die Hand genommen und die Flucht ergriffen. Schließlich zeigt der Körper: Rien ne va plus - Der Zustand scheint nicht mehr zu ertragen. Gleich drehe ich durch! Gleich breche ich zusammen! Gleich fährt der Notarzt vor! Gleich sterbe ich! Gleich verliere ich die Kontrolle? - Vor was auch immer! Aber diese Gedanken rasen im Eiltempo durch den Kopf. 

 

Und wer hat schon die Power sich diesem glaubhaften Szenario zu widersetzen! - Auch aus diesem Grund ist es kein einfaches Unterfangen eine Angststörung zu behandeln. Wer rennt schon freiwillig in sein Unglück (von dem er ja schon die erste Hälfte erahnt) nur um abzuwarten, ob es tatsächlich passieren wird? Wer setzt sich dem Schwindel, den Schwächegefühlen entgegen, die er live an seinem ganzen Körper durchlebt? 

 

Aber genau das ist der Punkt. Gegen seine eigenen Gedanken zu agieren! Gegen die Ahnungen, die im Kopf umhergehen. Gegen die körperlichen Symptome und der Ungewissheit! Es ist eine sehr schwierige Herausforderung! Bist Du bereit sie anzunehmen? Bist Du bereit zu schauen, ob das alles tatsächlich passieren wird? 

 

 

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