Egoismus - Die Angst steuert gerne

Aus heutiger Sicht empfinde ich manches Verhalten, was ich während meiner Angststörung an den Tag gelegt hatte als sehr egoistisch. Ich hatte es natürlich nicht geplant. Nein! Es ist mit den Jahren gewachsen. Der Rückzug aus dem sozialen Leben hatte schleichend stattgefunden. Anfangs war es die Einkaufstour in die Nachbarstädte, der Besuch bei Bekannten/Familie/Freunden aus diesen Orten.  Etwas was ich einfach nicht mehr geschafft hatte. Weil mir schon die Vorstellung so etwas zu tun Schwindelanfälle schenkte. 

 

Da gab es aber dennoch diesen Wunsch nach einem bestimmten Buch, nach einer neuen Lieblingsjeans oder einem neuen Kosmetikartikel. Heute ist das ja alles kein großes Problem mehr. Damals gab es das noch nicht, das Online-Shopping. Das Internet war noch in weiter Ferne. So motivierte ich die gesamte Familie mir diese Wünsche zu erfüllen. Ich hätte es ja nicht gekonnt. Ich war ja "angstkrank". Für mich war es unvorstellbar zu einem Buchladen zu fahren oder in der großen City von Dortmund wie es sonst üblich war mir neue "Kleidung" zu holen. Auch das neue Buch, die neue CD, der neue Videofilm, einen neuen Lidschatten... All´ das konnte ich nicht einfach so erwerben. Meine Familie wurde tätig. Sie ging los um mir meine Wünsche zu erfüllen. Manche Läden (gerade bei Kleidung) gaben sogar schon etwas zur Auswahl mit. Ich probierte die Hose oder anderes zu Hause an und meine Mutter fuhr es ggfs. wieder zurück ins Geschäft. Dieser Prozess nahm immer weiter Überhand. Wünsche nach einem Lieblingsessen? Den Erwerb eines in der Werbung gesehenen neuen Produktes? - Kein Problem. Meine Familie zog los. Aus Mitleid mit mir. Ich saß wie ein "Würmchen" zu Hause und träumte vom schönen Leben. Oft bedauerte ich mich. An anderen Tagen schämte ich mich für mein Verhalten. Für die Mühen, die ich anderen kostete. Angst macht egoistisch. Die Familie "rannte" sich die Beine für mich aus. Meine Mutter wurde zur "Friseurin" oder auch zur "Handwerkerin".  Sie besorgte mir unendlich viel, was mir ein wenig Sonne in mein Leben bringen sollte. Sie verzichteten auf Unternehmungen, weil ich sie vor lauter Panik anflehte nicht den Tagesausflug zu unternehmen und mich nur nicht alleine zu lassen. Irgendetwas sprach aus mir und zog alle Register. Auf Knien flehte die Angst in mir. Es war schändlich. Nur aus Angst den Tag nicht zu überleben. 

 

Die Angst hatte mich verändert. Meine Persönlichkeit verändert. Sie hatte mich zu einem Egoisten werden lassen. Ständig und vor allem hatte sich die Angst in den Vordergrund geschoben. Die Ausreden flossen wie Tränen aus meinem Mund. Das Mitleid war nicht nur da - es wurde gefordert. Niemand - davon war ich felsenfest überzeugt - der keine Angststörung hatte.  könnte sich ausmalen wie unfair das Leben zu mir gewesen war. Besonders an den Tagen an dem ich wie Espenlaub gezittert hatte. oder an Tagen an dem ich das "durchlebte" Mobbing in der Schule als das größte Drama interpretierte, was kein anderer in dieser Art und Weise, wie es mir widerfahren war, erlebt hatte. Ich hatte ja schließlich nichts dafür gekonnt, dass damals alle Lehrer wegsahen. Ich war unschuldig, denn die anderen hatten mich krank gemacht. 

 

Angst hatte mir die Empathie geraubt. Knallhart saß sie am Steuer und gab ihr Kommando: "Das kannst Du nicht! Das schaffst Du nicht! So schlecht geht es nur Dir. Du bist ein Sonderfall. Dich hat es am "aller-aller-schlimmsten" getroffen. Der Strudel drehte sich unentwegt. Die Familie war hilflos. Sie sah den täglichen Kampf gegen die Angst. Sie wollte helfen, konnte helfen, aber leider nur in einer nicht idealen Art und Weise. Die Familie nahm die Wege ab. Sie verzichtete auf eigene Unternehmungen. Auch sie passte sich viel zu sehr an. Sie verzichtete. 

 

Die Angst lachte sich dabei ins Fäustchen. Sie hatte gewonnen. Sie wurde stärker und stärker. Irgendwann dominiert sie den Tag. Sie stand mit mir Dir auf und ging mit mir ins Bett. Sie wies mich an, wie ich zu leben hätte.

 

Tatsächlich kann eine Angststörung - wenn sie unbehandelt bleibt - so schlimm werden. Daher ist es wichtig sich zeitnah und am besten so früh wie möglich in fachkundige Hände zu begeben. Irgendwann gibt es diesen Punkt, da kommt der Betroffene nicht einfach wieder so aus dem falschen Denk-Kreislauf heraus. Da kann er noch so wütend werden. Auf sich, auf die Angst. Da kann er noch so viele Bücher lesen oder Vorhaben planen beim nächsten Mal nicht die Flinte ins Korn zu werfen. 

 

Natürlich nimmt sich der Betroffene vor, dass er sich seinen Ängsten stellt. Bloß nicht davonlaufen! Bloß nicht kapitulieren! Doch im Kopf sind die Mauern oft zu mächtig. Viel zu eifrig werden die Füße in die Hand genommen und die Flucht ergriffen. Schließlich zeigt der Körper: Rien ne va plus - Der Zustand scheint nicht mehr zu ertragen. Gleich drehe ich durch! Gleich breche ich zusammen! Gleich fährt der Notarzt vor! Gleich sterbe ich! Gleich verliere ich die Kontrolle? - Vor was auch immer! Aber diese Gedanken rasen im Eiltempo durch den Kopf. 

 

Und wer hat schon die Power sich diesem glaubhaften Szenario zu widersetzen! - Auch aus diesem Grund ist es kein einfaches Unterfangen eine Angststörung zu behandeln. Wer rennt schon freiwillig in sein Unglück (von dem er ja schon die erste Hälfte erahnt) nur um abzuwarten, ob es tatsächlich passieren wird? Wer setzt sich dem Schwindel, den Schwächegefühlen entgegen, die er live an seinem ganzen Körper durchlebt? 

 

Aber genau das ist der Punkt. Gegen seine eigenen Gedanken zu agieren! Gegen die Ahnungen, die im Kopf umhergehen. Gegen die körperlichen Symptome und der Ungewissheit! Es ist eine sehr schwierige Herausforderung! Bist Du bereit sie anzunehmen? Bist Du bereit zu schauen, ob das alles tatsächlich passieren wird? 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Tamara (Dienstag, 06 November 2018 11:24)

    Hallo,

    ich hab teils mit nicken und teils mit kopfschütteln gelesen.
    Ein Angstler ist niemals egoistisch!Er oder sie macht entsetzliches durch das niemand verstehen kann.Das man sich irgendwann Hilfe im aussen holt ist das eine und das Familie hilft das andere.Es zeigt Zusammenhalt!Niemand würde jemanden in Not hängen lassen.Das wesentliche ist wie man familär damit umgeht.Das ein Angstler erstmal auf Hilfe angewiesen ist ist nunmal so.Nur so war es bei mir, Entscheidungen blieben meine und es wurde erledigt wenn jemand eh los war.Nicht extra!Das forderte ich nie ein.Und den Part den ich konnte machte ich.Und um Hilfe zu bieten ist nicht leicht.
    Wenn jemand aus Angst um Hilfe bittet zusagen, seh zu ist nur Angst, ist menschenverachtend!!
    Mir fällt generell auf bei Angstlern wird hart ins Gericht gegangen.Hat jemand was greifbares dann nicht.

    Als meine Familie die Angst verstand, also den Prozeß an sich, wurde es für sie einfacher.Und auch das sie nicht für mich springen mussten sondern nur erledigte wurde wennn jemand eh dahin musste.
    Zudem half ich früher auch mal, du brauchst was?Klar bring ich mit.

    Angst zeigt auch wo bin ich willkommen und wo nicht.So wie ich bin.

  • #2

    Admin (Dienstag, 06 November 2018 14:56)

    Hallo Tamara,

    als die Angststörung noch "aktiv" war, hätte ich meine Worte vermutlich in ähnlicher Weise noch formuliert, wie Du sie niedergeschrieben hast. Es sind viele, sehr wesentliche Facetten die mit eine Rolle spielen. Natürlich ist aus der Sicht des Betroffenen die "Angst" das allergrößte Drama (war es auch einst für mich), aber wenn die Störung überwunden worden ist, bist Du in der Lage eine vollkommen andere Sichtweise dazu zu entwickeln. Es scheint auch zu der Störung zu gehören, dass "man" sich sehr schnell angegriffen fühlt oder nicht richtig verstanden.

    So ganz bin ich nicht bei Dir, wenn Du das mit menschenverachtend in Verbindung bringst, denn das ist es nicht. Betroffene neigen leider dazu sich selbst "klein zu machen" und entwickeln Komplexe. Es geht auch darum wie die Gespräche innerhalb der Familie oder im Freundeskreis geführt werden - welche Substanz sie haben. Die Familie kann schon "aus Liebe" oder auch "Unwissenheit" dazu beitragen, dass eine Störung aktiv bleibt. Nicht immer helfen die "Samthandschuhe" und das ist in der Regel die Erklärung, warum die meisten Ex-Betroffenen nicht die "Mitleidstöne" benutzen. Sie wissen, dass der Weg aus der Störung schlimmer als ein Marathonlauf sein wird.

    Was andere denken - sollte unwichtig sein! Wenn das Selbstbewusstsein wächst, kann der Mensch damit viel besser umgehen. Denn Du entscheidest wer Dir weh tut. Nicht der andere :-)

    LG
    Nicole